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Zeit für Solidarität

Pfarrer Andreas Müller sprach auf Kundgebung gegen Rechts

Essen, 07.09.2026. 1.200 Menschen - doppelt so viele wie erwartet - sind am Montagabend einem Aufruf des Bündnisses ESSEN STELLT SICH QUER gefolgt und haben in der Innenstadt an einer Kundgebung gegen den anhaltenden Rechtsruck in Deutschland und einem Demonstrationszug durch die Essener Innenstadt teilgenommen. Für die Evangelische Kirche und Diakonie sprach Diakoniepfarrer Andreas Müller - nachfolgend dokumentieren wir seine Rede im Wortlaut:

ZEIT FÜR SOLIDARITÄT. DIE ANTWORT AUF DEN RECHTSRUCK SIND WIR.

Rede bei der Kundgebung des Bündnisses ESSEN STELLT SICH QUER am 7. September 2026 auf dem Hirschlandplatz

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
liebe Freundinnen und Freunde der Mitmenschlichkeit,

gestern wurde in Sachsen-Anhalt gewählt. Das Ergebnis ist da, und es tut weh. Ich spreche zu Ihnen als Diakoniepfarrer unserer Stadt. Als Diakonie und Evangelische Kirche blicken wir heute mit großer Sorge auf die politische Entwicklung in unserem Land. Eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei hat über 40 Prozent der Stimmen bekommen. Viele von uns, die täglich für die Schwächsten in unserer Gesellschaft arbeiten, fühlen heute Enttäuschung oder gar Angst. Doch genau deshalb stehen wir hier. Unser Einsatz ist wichtiger denn je! Unser Aufschrei ist wichtiger denn je!

Die Diakonie Mitteldeutschland hat gemeinsam mit den Evangelischen Kirchen in Sachsen-Anhalt vor der Wahl mit einer Kampagne eine klare Botschaft gesendet: „Herz statt Hetze“. Am Tag nach dieser Wahl, sage ich: Ja, wir treten an mit Herz und Verstand gegen Hetze! Denn die Kräfte, die gestern so stark abgeschnitten haben, liefern ein Zerrbild von Deutschland. Sie benennen Probleme, appellieren an tiefgehende Gefühle, aber bieten keine konstruktiven Lösungen. Wo sie Angst schüren, setzen wir auf Verstand. Wo sie Ausgrenzung predigen und Menschen diffamieren, antwortet unser Herz. Was das konkret für unsere tägliche Arbeit und unser Zusammenleben bedeutet, will ich an drei Beispielen zeigen:

- Erstens Abschottung: Uns wird das Bild einer kalten, abgeriegelten Gesellschaft präsentiert. Illegale Migration zu begrenzen ist das eine. Das Asylrecht in Frage zu stellen und von Remigration zu raunen etwas ganz anderes. Das löst Beklemmung aus. Das verunsichert viele in unserem Land, ganz besonders Menschen mit einem Migrationshintergrund, die schon lange zu uns gehören. Als Diakonie halten wir dagegen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Globale Krisen löst man nicht durch Mauern. Schutzsuchende brauchen Hilfe statt Isolation. Es ist verantwortungslos, nicht darüber nachdenken zu wollen, was die Forderung nach Remigration - ernst gemeint - für den Alltag in diesem Land bedeuten würde, für die Pflege, für die Krakenhäuser, die Verkehrsbetriebe, die Gastronomie, die Wissenschaft.

- Zweitens Kürzungen im schulischen Kontext: Nach Ansicht der AfD hat Schule weder soziale oder psychologische Betreuungsaufgaben noch Inklusion und Integration zum Ziel. Die Familie sollte wieder mehr Aufgaben übernehmen, dies würde dann „Schulsozialarbeiter überflüssig“ machen. Wer die Schulsozialarbeit infrage stellt, greift die Zukunft unserer Kinder an. Als Wohlfahrtsverband sehen wir täglich, wie wichtig diese Unterstützung ist. Die Abschaffung der Schulsozialarbeit geht an den tatsächlichen Erfordernissen im Schulalltag komplett vorbei. Sie würde Ausgrenzung und Gewalt fördern, Teilhabe-Chancen gerade für Kinder aus benachteiligten Familien verringern und gesellschaftliche Gräben in den Schulen vertiefen.

- Drittens Inklusion: Wenn Vielfalt verächtlich gemacht wird, trifft uns das im Kern unserer Identität. Für die Diakonie ist Inklusion kein nettes Extra, sondern ein Menschenrecht. Es werden inklusive Schulen und spezielle Förderschulen zugleich benötigt, um dem einzelnen Kind und dem Elternwunsch gerecht zu werden. Die Diakonie fördert und unterstützt die ungehinderte Teilhabe jedes Menschen in der Gesellschaft. Rechtsansprüche von Menschen mit Behinderung sind für uns nicht verhandelbar. Wir wollen und werden ein Land verteidigen, in dem Menschen mit Behinderungen ganz selbstverständlich dazugehören – ohne Angst, als „Belastung“ abgestempelt zu werden.

Ja, wir erleben einen offenen Angriff auf unsere freiheitliche, liberale und soziale Gesellschaft. Diakonie und Evangelische Kirche sprechen in einer Demokratie keine parteipolitischen Wahlempfehlungen aus. Aber jetzt erst recht verteidigen wir die Werte unseres Glaubens und unseres Grundgesetzes: die Unantastbarkeit der menschlichen Würde.

Warum ist das nötig? Weil es um unsere Grundwerte geht: Soll unser Land wirklich von einer Partei regiert werden,
- die Putins Geschäfte betreibt; einer Partei, die die Ukraine preisgeben will und damit die Wahrscheinlichkeit kriegerischer Konflikte erhöht?
- die der EU den Rücken kehren, den Euro abschaffen, den Schengenraum aufkündigen will und mit alldem unser Wirtschaftsmodell gefährdet, auf dem unser aller Wohlstand beruht?
- die für völkischen Nationalismus steht und die eigene Meinung mit der „des Volkes“ verwechselt?
- die Hetze gegen „andere“ als Normalzustand propagiert, die die Kirchen frontal angreift?

Die Bibel sagt: Jeder Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen und besitzt höchste Würde. Ausgrenzung und Diskriminierung verletzen diese Würde. Wir stehen dafür ein, den Wert jedes Menschen zu würdigen und Inklusion und Gleichberechtigung zu leben. Wir sehen die Stärkung der offenen, demokratischen und vielfältigen Gesellschaft und unseres Rechtsstaates als den besten Weg an, um das vielfältige individuelle und gemeinschaftliche Leben aller in unserem Land zu ermöglichen.

Gehen wir also mit Herz in die kommenden Begegnungen und mit klarem Verstand in die Debatten. Machen wir solide Politik mit möglich. Engagieren wir uns in unseren Organisationen und in der Zivilgesellschaft. Lassen wir uns den Mut nicht nehmen. Wir haben so viel zu verteidigen, für das es sich wirklich lohnt, gemeinsam einzustehen. Für eine Stadt Essen und für ein Deutschland voller Nächstenliebe, Vielfalt und Solidarität!

Vielen Dank für Ihre und eure Aufmerksamkeit!

Andreas Müller
Diakoniepfarrer des Kirchenkreises Essen

 

 

 

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